ImagineGEO im Gespräch mit Dr. Tobias Schneiderhan, Leiter des DLR ZKI

Tobias Schneiderhan
Wir sind zwar eines der jüngsten Mitglieder der Charta, werden aber wegen unserer hohen Datenqualität und kurzen Reaktions- und Lieferzeiten sehr oft angefragt.

1. Womit beschäftigt sich das ZKI und was sind Ihre Aufgaben?

Das Zentrum für satellitengestützte Kommunikation (ZKI) ist eine Plattform, die auf Basis von Forschungsprojekten wie GITEWS, Respond oder SAFER Anwendungen und Services entwickelt, testet und betreibt. Das ZKI ist in die Infrastruktur des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) inklusive Missionskontrolle und Bodensegment eingebunden und kann schnelle, extrem zuverlässige und robuste Prozesse umsetzen. Einer dieser Services ist die Internationale Charta für Weltraum und Naturkatastrophen, bei der wir eng mit Airbus Defence and Space zusammenarbeiten, um den Satelliten TerraSAR-X für die Charta zu nutzen. Zu meiner Rolle: Als Leiter des ZKI steuere ich alle operativen Aspekte.

2. Was passiert, wenn die Charta für Weltraum und Naturkatastrophen aktiviert wird?

Aktiviert ein autorisierter Nutzer die Charta, so wird seine Anfrage zunächst formell geprüft, dann leitet der Emergency On-Call Officer (ECO) die erforderlichen Missionen innerhalb von drei Stunden ein. Die Charta verfügt über bestimmte Einsatzszenarien für Krisensituationen wie Überschwemmungen, Erdbeben oder Flutwellen mit den dazu passenden Missionen und Sensoren. Diese Richtlinien erleichtern die rasche Auswahl des geeigneten Satelliten, so dass der ECO dessen Einsatz zeitnah bei der entsprechenden Raumfahrtbehörde beantragen kann. So erhält das DLR zum Beispiel bei einer Überschwemmung einen Antrag zur Bereitstellung von Radardaten über TerraSAR-X. Unsere Kollegen vom ZKI stimmen sich anschließend mit Airbus Defence and Space ab, um Überschneidungen bei der Bestellung neuer Aufnahmen zu vermeiden und den Satelliten bestmöglich zu nutzen. Hier sind persönliche Beziehungen wirklich sehr nützlich. Sobald die Daten erfasst sind, werden sie heruntergeladen, verarbeitet und schnellstmöglich zur Aufbereitung weitergeleitet.

Kontrollraum des ZKI

3. Wie oft und wofür haben Sie im Jahr 2015 Aufnahmen von TerraSAR-X verwendet?

Dieses Jahr haben wir 27 Mal Daten von TerraSAR-X für die Charta bereitgestellt (die gesamte Liste aller Aktivierungen finden Sie hier). 2015 ist zwar noch nicht vorbei, aber insgesamt liegen wir im Vorjahresdurchschnitt: 2014 haben wir TerraSAR-X bei 37 und im Jahr davor bei 33 Aktivierungen eingesetzt. Bei Überschwemmungen, Orkanen und Vulkanausbrüchen werden oft Daten von Radarsatelliten angefragt, da sie die Erdoberfläche durch Wolken hindurch aufnehmen können. Das ist entscheidend für Analysen und die Ermittlung krisenrelevanter Informationen. 2015 verzeichneten wir 14 Überschwemmungen, vier Vulkanausbrüche und vier Orkane, bei denen TerraSAR-X Daten beisteuerte.

4. Welchen Beitrag leistet TerraSAR-X Ihrer Meinung nach zur Beobachtung von Naturkatastrophen oder schweren Unfällen?

Jeder Sensor hat bestimmte Stärken, so auch der von TerraSAR-X. Er bildet die Oberflächenrauigkeit präzise ab, durchdringt Wolken und ist damit optimal für die Langzeitbeobachtung der naturgemäß länger anhaltenden Überschwemmungen geeignet. Da sich die Lage in Krisensituationen ständig ändert, müssen laufend aktuelle Aufnahmen ausgewertet werden, um die Hilfseinsätze besser zu koordinieren und sich auf neue Entwicklungen vorzubereiten. Wir sind zwar eines der jüngsten Mitglieder der Charta, werden aber wegen unserer hohen Datenqualität und kurzen Reaktions- und Lieferzeiten sehr oft angefragt.

5. Welches der jüngsten Ereignisse, bei denen die Charta aktiviert wurde, hat Sie persönlich am meisten bewegt?

Das ist eine schwierige Frage, da jede Krise ihre Besonderheiten hat. Wie ihr Name bereits sagt, wird die Charta bei Katastrophen mit großem Ausmaß aktiviert, also bei Ereignissen mit weitreichenden Folgen für das betroffene Land und seine Einwohner. Leider treffen Naturkatastrophen oft arme Länder, die am wenigsten für die Bewältigung solcher Ereignisse gerüstet sind. Am meisten bewegten mich von den 27 Fällen die Überschwemmungen in Vietnam und Myanmar und das Erdbeben in Nepal – nicht nur wegen der vielen Todesopfer, sondern auch wegen der darauffolgenden, lang anhaltenden Hungersnot. Daher versuchen wir, die Hilfsorganisationen und ihre Teams vor Ort mit Kriseninformationen aus TerraSAR-X-Daten zu unterstützen. Wir hoffen, dass unsere Unterstützung aus der Ferne die Hilfsaktionen effektiver macht und das Leid der Betroffenen lindert.

Interview : Tobias Schneiderhan, DLR ZKI