Interview mit Lawrie Jordan

Director of Imagery bei Esri

1. Sie sind ein erfahrener Vordenker der GIS-Industrie und ein führender Manager im weltweit größten GIS-Unternehmen. Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Branche entwickeln? Wie sehen die aktuellen Trends aus und worüber werden wir in fünf Jahren sprechen?

Vielen Dank, ich freue mich sehr über dieses Gespräch und die Gelegenheit, einige Gedanken über unsere Branche, die derzeitigen Trends und die Visionen für die Zukunft auszutauschen.

Die Geo-Industrie entwickelt sich schnell und es gibt für GIS drei wichtige und positive Trends, die meiner Meinung nach von allem von den zur Verfügung stehenden Bilddaten vorangetrieben werden und allen GIS-Nutzern zugutekommen. Zunächst einmal sind Schnelligkeit und Einfachheit unerlässlich. Eine unmittelbare Datenverarbeitung verbunden mit innovativen Datendiensten, verschlankte Arbeitsabläufe und spezialisierte Apps ermöglichen jetzt auch GIS-Nutzern, die keine Bildexperten sind, aktuelle Informationen aus ihren Aufnahmen zu extrahieren. Zweitens sagen uns immer mehr Anwender, dass sie anstelle eines einfachen Hintergrundbildes eher aus Aufnahmen erstellte Informationsprodukte und GIS-fähige Datenebenen benötigen. Drittens werden die herkömmlichen Bildbearbeitungsverfahren und -protokolle wie Einzeldateibearbeitung, Zwischenstufen mit temporärer Dateierstellung und FTP-Downloads schnell durch dynamische Onlinedienste ersetzt. Sie können sich das als eine Art „Freizeichen“ vorstellen, bei dem Sie sich einfach mit einem Bilddatendienst verbinden können, der da und „immer an“ ist. Sie brauchen keinen Download, die Bildanalyse erfolgt dynamisch, während Sie auf die Daten zugreifen.

Lawrie Jordan, Director of Imagery, Esri

In fünf oder sogar weniger Jahren wird sich, so glaube ich, eine meiner Prognose von vor über 20 Jahren erfüllen:
„Die Karte der Zukunft ist ein hochintelligentes 3D Bild“. Hochauflösende, fotorealistische 3D Bilder werden das neue GIS-Gesicht bilden – ich freue mich wirklich, dass dies bereits jetzt Realität wird

Lawrie Jordan Director of Imagery bei Esri

2. Bildaufnahmen sind momentan ein heißes Thema - viele Satelliten werden derzeit ins All geschossen. Wie wird sich der Markt Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln?

In nicht allzu ferner Zukunft werden wir meiner Meinung nach ein beständiges globales Monitoring haben, bei dem jeder Quadratmeter der Erdoberfläche von einer Konstellation von Hunderten oder vielleicht Tausenden von Satelliten und Sensoren aller Art (darunter auch UAV/UAS Systeme) kartiert, vermessen und überwacht wird. Die Sensoren werden das gesamte elektromagnetische Spektrum abdecken, von multispektral über Radar bis hin zu Lidar. Die aktuelle Konstellation von Airbus Defence and Space (Airbus DS) erlaubt uns schon heute den Zugang zu einer enormen Menge an Daten. Diese Idee wird vermutlich als eine gemeinschaftliche, cloud-basierte Funktion implementiert, die GIS-Nutzern in Nahe-Echtzeit auf jedem Gerät zur Verfügung steht. Meine Vision dieses Konzepts heißt „The Living Planet“. Ich bin überzeugt, dass auch Social Media hier eine entscheidende Rolle spielen werden. Die Assimilierung aller anderen GIS-Daten in diesen „Living Planet“ würde das GIS und die Geografie selbst buchstäblich neu erfinden. Was könnte aufregender sein?

Eine neue Reihe von Geschäftsmodellen für die Diensteverwertung begleitet diese Entwicklung. Esri wird eine führende Rolle dabei spielen, die neuen Formen von Geschäftsmodellen über unseren ArcGIS Online-Marketplace anzubieten.

3. Wie setzen die Kunden von Esri die Daten am häufigsten ein?

Bildaufnahmen sind die wichtigste Informationsquelle und die grundlegende Datenebene für die meisten wichtigen Teile jedes GIS, darunter Gelände, Erhebungen, Gebäude, Straßen und viele andere Elemente wie beispielsweise Wasser, Hydrologie, Landbedeckung, Landnutzung, Grenzen, Parzellen und vieles mehr.

Bilder sind auch die Technologie der Wahl für die Kartierung von Veränderungen und die Durchführung von Updates für das GIS. Im Prinzip könnte man sagen, dass alle GIS-Nutzer auch Bildnutzer sind, und dass GIS tatsächlich ohne die zuvor genannten Basisebenen nicht existieren würde. Es überrascht daher nicht, dass Kunden von Esri die gesamte Bandbreite an Einsatzgebieten und Anwendungen für Bildaufnahmen abdecken.

Wir selbst sehen Aufnahmen als eine horizontale Technologie, die alle größeren vertikalen GIS-Marktsegmente abdeckt. Hierzu gehören staatliche und lokale Regierungen, Öl & Gas, Katastrophenschutz, Verteidigung und Nachrichtendienste, Land- und Forstwirtschaft, Meeresüberwachung, nationale Kartierungsorganisationen, Versicherung und Rückversicherung, Anlagenmanagement und Umweltschutz, um nur einige zu nennen.

4. Glauben Sie, dass sich der Markt mit der Zunahme des Datenmarktes von Pixeln hin zu Diensten entwickelt? Oder braucht es beides? 

Ja, es gibt sicherlich eine starke Tendenz in Richtung des Angebots von Bilddaten als Service. Das kann unterschiedliche Formen annehmen, von einem einfachen Tile-Cache als Hintergrund über dynamische Aufnahmen bis hin zu einem vollanalytischen Service.

Einige Nutzer, beispielsweise diejenigen, die im Katastrophenschutz arbeiten, brauchen einfach nur so schnell wie möglich ein grobes Bild eines Ereignisses oder einer Katastrophe ohne weitere Analyse oder Verzögerung. Viele andere Nutzer wollen allerdings unmittelbare Analysen wie beispielsweise NDVI zur Pflanzengesundheit, Einschätzungen zur Landbedeckungen oder Veränderungskartierungen durchführen. In all diesen Fällen ist es nicht mehr nötig, die Aufnahmen herunterzuladen, stattdessen sind die Pixel auf jeder Ebene als ein Dienst zugänglich. Dies ermöglicht eine erhebliche Einsparung von Zeit und Aufwand.

5. Zum Thema Dienste: Esri hat einen „World Imagery Map“-Service als eine der Basiskartierungsoptionen für ArcGIS Nutzer entwickelt. Hierbei handelt es sich um ein äußerst hochwertiges Bildprodukt, und wir freuen uns sehr darüber, dass kürzlich Daten von Airbus DS aufgenommen wurden. Was gefällt den Nutzern am meisten an dieser webbasierten Basiskartierung? 

Ich freue mich, sagen zu können, dass die Basiskartierung mit über 34 % der Hauptgrund ist, warum die Nutzer zu ArcGIS Online kommen, und dass weitere aufnahmenbasierte Produkte den Rest der Top 10 dominieren. Dies ist besonders beeindruckend, da unsere Anwender jedes Jahr mehrere Milliarden Karten aus diesen Datensätzen generieren oder verwenden.

Wie Sie ja wissen, haben wir kürzlich unsere „World Imagery Map“ mit den Geodaten von Airbus DS für mehrere Regionen weltweit ergänzt. Das kam bei unseren Usern sehr gut an, da die Aufnahmen von Airbus DS mehrere entscheidende Lücken aufgefüllt und auch die Qualität und die Auflösung der Karten verbessert haben.

6. Mit der Einführung des ArcGIS Marketplace Ende letzten Jahres hat Esri einen spannenden Schritt in Richtung des Angebots mehrerer unterschiedlicher Typen von Diensten gemacht. Wie war die Reaktion auf den ArcGIS Marketplace und die bereitgestellten Dienste?

Wir sind der festen Überzeugung, dass der ArcGIS Marketplace die Zukunft darstellt, wie GIS-Experten und auch Laien Geoinformationsprodukte erhalten, was sowohl kostenfreie als auch kostenpflichtige Inhalte und Apps einschließt.

Die Reaktion auf den Marketplace war bereits vor dessen Eröffnung im Herbst überaus groß. Die anfänglichen Angebote wurden seitdem deutlich erweitert, mit buchstäblich Hunderten von neuen Apps, zusammen mit einer rasch größer werdenden Anzahl von Premium-Inhalten und -Diensten, darunter natürlich auch unsere drei neuen Premium Content Services mit Airbus DS.

Die Geschäftsaktivität im Marketplace hat sich in den letzten Monaten mit mehreren Tausend Bestellungen und Hunderttausenden von Anfragen, Anforderungen und Tests bereits verdoppelt. Wir haben ein großes Team, das sich ausschließlich um den Marketplace kümmert. Ergänzungen und Optimierungen erfolgen kontinuierliche.

Auf Wunsch unserer Nutzer werden wir unser Bildangebot erweitern und aufnahmenbasierte Informationsprodukte und -dienste mit aufnehmen. 

7. Welche Nutzergruppen waren Ihrer Meinung nach diejenigen, die den ArcGIS Marketplace als erstes für sich entdeckt haben? Aus welchen Branchen kommen sie?

Wir haben eine Reihe von Erstnutzern im Marketplace, sowohl bei den Inhalten als auch bei den Apps. Was den Inhalt betrifft, so beobachten wir, dass die Erstnutzer die Möglichkeit, aktuelle Aufnahmen schnell über den Marketplace zu bekommen, schätzen.

Bei der Zusammenarbeit mit Airbus DS haben wir innerhalb der Satellite Tasking & Archive App ein mehrstufiges Angebot entwickelt, das Nutzern ein breiteres Preisspektrum und verschiedene Lieferoptionen für aktuelle Aufnahmen bietet.

Die Option “Automatic Tasking”  gibt Nutzern die Möglichkeit, Daten innerhalb von 30 bis 60 Tagen zu programmieren und zu empfangen, wenn die Anwendung nicht zeitkritisch ist. Das kann erhebliche Kosteneinsparungen bedeuten. Es gibt auch Zugang zum umfangreichen Bilddatenarchiv von Airbus DS. Die Option „Instant Tasking“ erlaubt eine sehr schnelle Programmierung und Lieferung für dringende Situationen wie den Katastrophenschutz. Es bietet darüber hinaus die Möglichkeit Bilder aus dem nächsten Überflug oder zu einem bestimmten Datum anzufordern, um ein spezielles Event oder einen bestimmten Zustand wiederzugeben.

8. Durch die großartige Zusammenarbeit von Esri und Airbus DS haben wir im Juli 2014 drei neue Premium Content Services im ArcGIS Marketplace eingeführt. Seitdem haben wir zu diesem Dienst viel positives Feedback bekommen, und wir würden natürlich gern wissen, welches Feedback Sie erhalten haben. Wie reagieren die Kunden von Esri auf die neuen Dienste?

Unser Team von den Professional Services, das von Tony Mason und Derek Sedlmyer geleitet wird, hat super mit dem Airbus DS Team zusammengearbeitet. Gemeinsam konnten wir die ArcGIS Plattform bei Airbus DS einrichten und damit anfangen, einige sehr beeindruckende Bilddienste anzubieten. Die Nutzer auf unserer International Users Conference in San Diego waren besonders beeindruckt, als wir die neue Airbus DS Satellite Tasking & Archive App im Marketplace genutzt haben, um eine Pléiades Aufnahme vom San Diego Convention Centre zu programmieren und am nächsten Tag ein wunderschönes Bild mit einer Auflösung von 50cm erhielten!

Wir arbeiten bereits daran, neue Informationsproduktangebote zusammen mit Airbus DS zu konzipieren.

9. Wir haben gehört, dass so viele Teilnehmer wie noch nie die Esri International User Conference in diesem Jahr besucht haben. Herzlichen Glückwunsch zu dieser überaus erfolgreichen Veranstaltung! Welche Themen haben auf der diesjährigen Konferenz im Laufe der Woche das meiste Interesse geweckt?

Ja, die Teilnehmerzahl lag bei über 16.000 - ein neuer Rekord. Was vielleicht aber noch wichtiger ist: Die Qualität, die Vielfältigkeit und das Interesse der Teilnehmer und der Nutzerorganisationen waren außerordentlich. Immer wieder haben wir von den Besuchern gehört, dass sie sich wirklich mit einbezogen gefühlt haben und dass es unsere beste UC bislang war.

Ich glaube, dass verschiedene Themen auf dem Event großes Interesse geweckt haben, darunter auch unser neue gemeinsame Arbeit mit Airbus DS an der „Satellite Tasking & Archive“ App, die Fortschritte am 3D GIS, dynamische Analysen wie der Geo-Event Processor und die vielen neuen Angebote im ArcGIS Online-Marketplace, darunter auch unser neuer GeoPlanner für GeoDesign.

10. Wir freuen uns sehr, dass wir seit über 20 Jahren ein Geschäftspartner von Esri sind, und glauben, dass diese Partnerschaft mit jedem Jahr enger wird. Wie würden Sie in ein paar Worten die Partnerschaft zwischen Esri und Airbus DS beschreiben?

Langfristige Beziehungen zwischen einem Unternehmen und seinen Angestellten, Kunden und Geschäftspartnern sind seit über 40 Jahren eine entscheidende Grundlage für den Erfolg von Esri.

Wir sind sehr dankbar, dass das Team von Airbus DS seit mehr als der Hälfte dieses Zeitraums ein treuer und zuverlässiger Geschäftspartner von Esri ist - ein wirklicher Meilenstein der Ausdauer. Und ich freue mich besonders über die starke Ausweitung dieser Beziehung im letzten Jahr. Ich bin sicher, dass beide Unternehmen und insbesondere unsere Nutzer jetzt und in Zukunft hiervon profitieren werden.

Interview mit Lawrie Jordan, Director of Imagery bei Esri

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